Überblick über die Germanistische Sprachwissenschaft/Linguistik

 

Sprachwandel und sprachliche Vielfalt

 

 

Anliegen der Germanistischen Sprachwissenschaft/Linguistik ist es, die Sprache und Kommunikation im deutschen Kulturraum von ihren spätgermanischen Anfängen, dem Althochdeutschen, Altsächsischen usw., bis hin zur Gegenwart zu erforschen. Dabei werden nicht nur die Literatur- oder Standardsprache berücksichtigt, sondern auch alle anderen Erscheinungsformen Sprach- und Kommunikationsformen: Dialekte, Fachsprachen, Sprachen sozialer Gruppen und Schichten usw. Nur wer alle diese Dimensionen kennt und berücksichtigt, kann dem komplexen Phänomen „Sprache“ in seiner Gesamtheit gerecht werden. Entgegen landläufigen Ansichten über Sprache geht die Sprachwissenschaft/Linguistik deshalb davon aus, dass sprachliche Vielfalt und sprachlicher Wandel keine lästigen Übel, sondern für die Verständigung unabdingbar notwendig sind. Andererseits ist Sprache als eine „conditio humana“, eine Grundbedingung des Menschseins, ebenso notwendig Gegenstand von unmittelbaren Interessen und damit von Werturteilen. Die Sprachwissenschaft steht deshalb immer in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite ist sie bestrebt, kurzsichtiger Normierung und Bewertung von Sprache durch Hinweis auf die Natürlichkeit der Vielfalt und die Notwendigkeit des Wandels vorzubeugen, auf der anderen Seite kann sie sich nicht entziehen, aus gesellschaftlichen Verpflichtungen heraus selbst Sprachbewusstsein zu fördern und wissenschaftlich fundierte Sprachkritik zu betreiben.

 



Sprache, Kultur und Gesellschaft

Die vielfältigen historischen Erscheinungsformen der deutschen Sprache werden mit der jeweiligen zeitgenössischen Kultur und den unterschiedlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Beziehung gesetzt. Sprachwissenschaft beschreibt, was sie an sprachlichen Phänomenen vorfindet, unter Berücksichtigung der jeweiligen kommunikativen und sozialen Zusammenhänge und stellt es in kulturell bestimmte Sinnhorizonte. So versteht sich die Sprachgeschichtsforschung zum Deutschen immer auch kulturpädagogisch, als Disziplin der Aufarbeitung, Sicherung und Vermittlung von Tradition. Im Blickpunkt stehen die engen Verflechtungen zwischen Sprachgeschichte und allgemeiner Geschichte, das soziale Handeln mittels Sprache in allen Lebensbereichen, die Rolle der Sprache bei der Herausbildung von individueller Identität und Gruppenidentität sowie ganz allgemein die Frage, wie mit Hilfe von Sprache kommuniziert und Wissen strukturiert wird und Denkprozesse gestaltet werden. Die historische Perspektive fordert aber keineswegs nur die Beschäftigung mit älteren Sprachstufen, sondern auch und gerade die Beschäftigung mit der Gegenwart. Für die Erforschung zur deutschen Gegenwartssprache ist eine angemessene Erfassung und Beschreibung ihrer vielfältigen Erscheinungsweisen, der Dialekte, Fach- und Sondersprachen, von zentraler Bedeutung. Nicht zuletzt geht es auch darum, die jeweiligen Ergebnisse für die Bewältigung der wiederkehrenden kommunikativen Aufgaben in Alltag, Schule und Beruf verwendbar zu machen und für den Zusammenhang zwischen Sprache, Wissen und Gesellschaft zu sensibilisieren.

Sprachwissenschaftliche Arbeitsfelder — Theorie- und Methodenvermittlung

Die Germanistische Sprachwissenschaft/Linguistik in Heidelberg bietet Lehrveranstaltungen zu nahezu allen Teilbereichen ihres weitgesteckten Aufgabenfeldes an. Die Lehrinhalte werden forschungsbasiert vermittelt, wobei die theoretischen Vorannahmen und die methodischen Wege bezogen auf gängige Forschungslinien und aktuelle -trends in die Vermittlung eingehen. Die forschungsorientierte Lehre erlangt in vielen Lehrveranstaltungen immer mehr an Bedeutung, indem die Dozentinnen und Dozenten Forschungsfragen in die Lehre mitbringen und die Studentinnen und Studenten anhand empirischer Studien eigene Forschungsfragen entwickeln. So können die Studierenden in Heidelberg ein umfassendes Wissen über die deutsche Sprache erwerben, z. B. darüber, wie und warum sich das Deutsche im Laufe der Zeit gewandelt hat, wie die Textsorten, die Grammatik, der Wortschatz und die Lautung des Deutschen beschaffen sind oder unter welchen kommunikativen Bedingungen welche Möglichkeiten der Gestaltung sprachlicher Äußerungen und Texte bevorzugt genutzt werden. Thematisiert werden aber auch Fragestellungen, auf welchem Wege die germanistische Sprachwissenschaft zu ihren Erkenntnissen über die deutsche Sprache gelangt. Eine wichtige Rolle spielen dabei methodenkritische Ansätze: Fragestellungen und Antworten werden nicht nur motiviert und präsentiert, sondern ihrerseits hinterfragt.

Interdisziplinäre Verflechtung

Die germanistische Sprachwissenschaft ist, sowohl was ihre Inhalte als auch was ihr Wissenschaftsverständnis anbelangt, offen gegenüber zahlreichen anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Dazu gehören die Literaturwissenschaft, die Soziologie, die Geschichtswissenschaft, die Philosophie, die Politikwissenschaft, die modernen kognitiven Wissenschaften und die Psychologie. Aufgrund der engen historischen und kulturellen Verflechtungen der deutschen Sprache mit anderen Sprachen im europäischen Raum pflegt sie enge Beziehungen zu benachbarten einzelsprach- oder sprachfamilienbezogenen Sprachwissenschaften wie zum Beispiel denen der Anglistik, der Romanistik oder der Slavistik.

Letzte Änderung: 26.05.2017
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